And then there was Bayern

Werder Bremen musste am Samstag die höchste Heimniederlage in der Bundesligageschichte des Vereins hinnehmen. Es war ein Ereignis, dass man vielleicht in dieser Form nicht erwartet hatte, aber durchaus hätte erwarten können, denn schließlich empfing man den wohl stärksten Gegner in dieser mehr als fünfzig Jahre andauernden Historie. Das Werder wiederum aktuell nicht über den stärksten Bundesligakader seiner Schaffenszeit verfügt, dürfte auch dem einen oder anderen aufgefallen sein. Das Resultat dieses ungleichen Aufeinandertreffens war ein mehr als deutliches 0:7. Bereits zur Halbzeit waren die Fans im ausverkauften Weserstadion mit einem 0:3 vorgewarnt. Dabei hatte es gar nicht so schlimm angefangen. Man tastete sich ab und es gab kleinere erste Chancen auf beiden Seiten. Man hatte sich offenbar etwas vorgenommen in Bremen – augenscheinlich zu viel. Der Branchenprimus benötigte nicht einmal größere Möglichkeiten um die Verhältnisse zu verdeutlichen: Eine Hereingabe vom Ribery vollendete mit Lukimya ein Bremer Abwehrspieler, Daniel van Buyten übersprang kurz darauf nach einem Freistoß Nils Petersen mit Leichtigkeit. Es bleibt nicht mehr als eine Randnotiz, dass vermutlich auch Spielern mit dem Ruf ausgeprägterer Standhaftigkeit als Bayerns Thomas Müller in dieser Situation nicht unbedingt ein Foul zugesprochen bekommen hätten. Entgegen ersten Zweifeln lag das Schiedsrichterteam hingegen beim 3:0 richtig. Die Fernsehbilder klärten auf, dass sich Müller beim Zuspiel auf dem Flügel nicht in einer Abseitsposition befand. Das Spiel wurde einfach eine Nummer zu schnell für die Grün-Weißen, die allerdings zu diesem Zeitpunkt noch deutlich unter Wert geschlagen wurden. Entschieden war die Partie dennoch bereits beim Halbzeitpfiff und die Leistungssteigerung, die für eine Korrektur nötig gewesen wäre, zeigte in Halbzeit 2 nur Bayern München. Der nunmehr seit 40 Bundesligaspielen ungeschlagene Rekordmeister hatte nicht nur das überlegene Spielermaterial, sondern auch etwas Glück und vor allem richtig Lust auf Fußball. Die Nachsicht, die manchen Teams in dieser Spielzeit mit fortschreitender Matchdauer noch zuteil wurde, räumte man der Nummer 2 in der ewigen Tabelle der Fußball-Bundesliga nicht ein.

Werder tat gut daran, lieber die Köpfe hängen zu lassen, als zu versuchen, dem Gegner mit übertriebener Härte die Spielfreude doch noch zu nehmen. Denn während nicht erst seit Samstag bekannt sein dürfte, dass die Mannschaft in dieser Zusammenstellung vermutlich nicht mehr die Champions League gewinnen wird, stehen andere wichtige Aufgaben vor der Tür, bei denen selbst die Spieler gebraucht werden, die man unmittelbar nach dem Abpfiff am liebsten zum Teufel gejagt hätte. “Man darf verlieren, aber doch nicht so!”, hieß es mancherorts nach dem Spiel. Von einem “unverzeihlichen Auftritt” war auch die Rede. Letzten Endes war aber auch das 0:7 nicht die Katastrophe, welche bereits Orkan Xaver nicht über Bremen gebracht hatte (wobei sich der Eine oder Andere vielleicht im Nachhinein sogar wünscht, dass Spiel wäre aufgrund eines überfluteten Stadions verschoben worden). Eine Katastrophe wäre es, am nächsten Wochenende in Berlin ins nächste Debakel zu stolpern, weil man es verpasst, die letzten Eindrücke angemessen aufzuarbeiten. Eine zielgerichtete Fehleranalyse kann nicht lauten, dass alles besser gemacht werden muss oder der gesamte Kader ausgetauscht wird. Stattdessen sollte man sich an den Partien gegen Mainz und in Hoffenheim orientieren, wo gegen Gegner auf ähnlichem Niveau zwar bessere Resultate erzielt, aber auch genügend Fehler fabriziert wurden, an denen es sich zu arbeiten lohnt. Einige Personalien stehen dabei natürlich auch zu Debatte. So unterliefen Keeper Raphael Wolf in seinen ersten beiden Bundesligaspielen zwar keine schwerwiegenden Fehler, trotzdem musste er aber insgesamt elf Mal hinter sich greifen. Wenn die Argumente gegen Sebastian Mielitz dahin gingen, dass er zu viele Gegentore kassierte und der Abwehr keine Sicherheit gab, dürften diese mittlerweile hinfällig sein. Nie zuvor wirkte die Defensive so unsicher wie in den Partien in Hoffenheim und gegen die Bayern. Die elf Gegentore waren die Konsequenz daraus. Sebastian Mielitz, der in 13 Auftritten 23 Mal vom Gegner bezwungen wurde, weist eine erheblich bessere Quote auf. Ein heimlicher Gewinner ist auch Felix Kroos, dessen Ausfall bitter schmerzt. Weder Clemens Fritz noch Theodor Gebre Selassie brachten auch nur eine ansatzweise vergleichbare Struktur ins Bremer Spiel. Kurzfristig könnte Philipp Bargfrede der Nutznießer dieser Situation sein. Auf der Rechtsverteidigerposition hingegen herrscht dringender Bedarf, denn auch hier zeigen sich immer wieder Lücken, die weder der Kapitän noch der tschechische Nationalspieler dauerhaft absichern konnten. Nicht nur Robin Dutt, auch Manager Thomas Eichin steht vor einer anspruchsvollen Aufgabe.

Bevor in der Winterpause allerdings eine ausführliche Bilanz der Zusammenarbeit ansteht, gilt es zunächst, sich in den beiden verbleibenden Spielen der Hinrunde schadlos zu halten. Seit gestern steht immerhin fest, dass Werder im Jahr 2013 sicher nicht mehr auf einen Abstiegsplatz rutschen kann. Auch der Relegationsplatz ist unwahrscheinlich, da sowohl Freiburg und Frankfurt dafür zwei Siege einfahren müssten. Ein möglichst großes Polster ist dennoch wünschenswert, denn die Resultate der letzten beiden Rückrunden waren wenig verheißungsvoll. Bis Werder wieder um eine Meisterschaft mitspielt, wird noch eine Menge Wasser die Weser herunter fließen (möglichst auch weiterhin am Stadion vorbei), vorerst gilt es aber den zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte zu vermeiden. Ein weiteres 0:7 gegen übermächstige Bayern im nächsten Jahr wäre wohl erheblich leichter zu verdauen.

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